ERINNERUNGSORTE AUFSUCHEN – GESCHICHTE ERFAHREN

Am 25.6. bietet das Bündnis gegen Rechts in Koperation mit der VHS eine Fahrradtour an in der Bochumer Innenstadt. Bochum war Gauhauptstadt während des Faschismus, zahlreiche Gebäude aus dieser Zeit sind heute noch sichtbar. Einige davon sind bekannt und werden wieder genutzt, andere sind unbekannt oder werden übersehen. Diese Orte wollen wir aufsuchen und die jeweiligen politischen Hintergründe und Zusammenhänge aus der Zeit des Faschismus erfahren. Gestartet wird an den ehemal. „Pluto-Garagen“ am Nordring. Ein Ort, an dem unmittelbar nach dem Januar 1933 die SA ihre politischen Gegner (Gewerkschafter, Sozialdemokraten, Kommunisten) gefangen gehalten, verprügelt und gefoltert hat. Am Nordbahnhof gibt es Informationen über die Deportation der jüdischen Bevölkerung. Über den „Erich-Gottschalk-Platz“ an der Castroper Strasse geht es weiter zur „Krümmede“. Dort wird über die im Gefängnis festgehaltenen Männer des Widerstandes aus Frankreich, Belgien und Holland informiert. Das Thema Zwangsarbeit im Faschismus wird erläutert am sog. „Blumenfriedhof“ und an der letzten Station, am Werksgelände der damal. „Eisen- und Hüttenwerke“ (heute Thyssen-Krupp-Steel) an der Harpener Strasse. Die Informationen und Erläuterungen an diesen Stationen wiederspiegeln die Unterdrückungspolitik der NS-Diktatur : Verfolgung und Vernichtung des politischen Gegeners, Deportation der jüdischen Bevölkerung, Zwangsarbeit, aber auch den Widerstand gegen diese Politik.
Treffpunkt ist der Nordring/Ecke Uhlandstrasse, geplant sind 2 Stunden von 11.00 bis 13.00.
Anmeldung ist erforderlich über die VHS unter der Kursnummer 12008.

EIN STOLPERSTEIN FÜR ALFRED JURKE

Das Bündnis gegen Rechts hat in diesem Jahr  eine Patenschaft für Alfred Jurke übernommen. Alfred Jurke war Mitglied der Konsumgenossenschaft Wohlfahrt an der Königsallee 178 (heute GData), dort als Bäcker tätig, ab 1923 Mitglied der KPD, gewerkschaftlich aktiv und bis 1933 auch Betriebsratsmitglied. Nach dem Verbot der Gewerkschaften und der KPD war er im Widerstand gegen den Faschismus aktiv. In der Widerstandsgruppe der Konsumgenossenschaft wurden „illegal“ Zeitungen und Flugblätter gedruckt und verteilt. Für die „Rote Hilfe“ wurde Geld gesammelt. Diese Spenden gingen an die Familien von verhafteten oder geflüchteten Genossen und waren ein Beitrag zur Existenzsicherung für die Frauen und Kinder. 1936 wurde diese Widerstandsgruppe von der Gestapo entdeckt und ihre Mitglieder verhaftet. Alfred Jurke konnte rechtzeitig nach Holland flüchten. In Abwesenheit wurde er vom Volksgerichtshof wegen „Hochverrat“ in Abwesenheit zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt. In Holland setzte er mit anderen seine antifaschistische Tätigkeit fort. Es wurden nun vor allem Flugblätter und Zeitungen hergestellt und nach Deutschland gebracht. Aus der Recherche über das Leben und die politische Tätigkeit von Franz Vogt im Exil wissen wir, dass die vor der Hitler-Diktatur Geflüchteten in sehr bescheidenen materiellen Verhältnissen leben mussten. Der Transport von Flugblättern und Zeitungen in das damalige Deutsche Reich war gefährlich und immer mit dem Risiko der Entdeckung und Verhaftung verbunden. Die damalige Reichsregierung versuchte Druck auf die holländische Regierung auszuüben, die politischen Aktivitäten der Geflüchteten zu verbieten oder einzuschränken. Alfred Jurkes politisches Ziel im Exil war die „Einheitsfront“, d.h. die Zusammenarbeit von Sozialdemokraten und Kommunisten. Dafür setze er sich ein. Was vor 1933 in der Weimarer Republik nicht gelungen war, sollte jetzt im Exil gelingen. Ein fast utopisches Ziel, aber begründbar und berechtigt war es allemal. Das Ende seiner politischen Arbeit kam mit dem Überfall der Wehrmacht auf Holland. Am 27.Mai 1940 wurde er verhaftet und später in die Untersuchungshaftanstalt Alt-Moabit verlegt. Am 8.Mai 1942 erhob der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof Anklage gegen Alfred Jurke. Die Anklage lautete „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ mit dem Ziel „mit Gewalt oder Drohung mit Gewalt die Verfassung des Reiches zu ändern“. Der Volksgerichtshof sprach aufgrund dieser Anklage ein Todesurteil aus und Alfred Jurke wurde am 3.Oktober 1942 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Ca. 2900 Frauen und Männer wurden dort zwischen 1933 und 1945 hingerichtet wegen ihrer weltanschaulichen Ansichten oder ihres Widerstandes gegen die Hitler-Diktatur. Die damals eingesetzten Methoden waren von unbeschreiblicher Brutalität : Fallbeil, Erhängen und das Aufhängen an Fleischerhaken, waren die Mittel, mit denen die GegnerInnen der Diktatur ermordet wurden. Das „Ehrenbuch der Opfer von Berlin-Plötzensee“ dokumentiert die Namen von 1574 Frauen und Männern, u.a. auch den von Alfred Jurke. Alfred Jurke war in seiner Einstellung konsequent, hat bis 1936 in Deutschland im Widerstand gegen den Faschismus gestanden und diesen auch nach seiner Flucht nach Holland von dort forgesetzt. Im Gebäude der ehemaligen Konsumgenossenschaft „Wohlfahrt“ hängt heute eine Gedenktafel mit folgender Inschrift:
„Für Recht und Freiheit liessen ihr Leben Alfred Jurke und Walter Stern. Sie starben durch nationalsozialistischen Terror. Ihre Gesinnung ist unser Erbe. Belegschaft der Konsumgenossenschaft Bochum“. Wann genau und durch wen veranlasst diese Gedenktafel angebracht wurde, ist heute nicht mehr recherchierbar. Die Verlegung des Stolpersteins kann in diesem Jahr wegen Bauarbeiten auf der Königsallee nicht vorgenommen werden. Die Firma GData macht aber ein Treffen möglich, nämlich in dem Gebäude, in dem die Gedenktafel hängt (Königsallee 178). Dort werden am Dienstag 14.Juni 2022 um 13.00 die Rechercheergebnisse für Alfred Jurke (und Walter Stern) vorgestellt.

Gedenken und Gedanken am Jahrestag der Befreiung von Krieg und Faschismus

Schüler:innen der Mont-Cenis-Gesamtschule in Herne präsentierten auf dem Gedenkrundgang zum Tag der Befreiung die Ergebnisse ihrer Recherchen zum Zwangsarbeiterlager Bergener Straße

Das Bündnis gegen Rechts und der Kinder- und Jugendring hatten am gestrigen Sonntag, dem Tag der Befreiung, zu dem traditionellen Gedenkrundgang auf dem Friedhof am Freigrafendamm eingeladen. Michael Niggemann von der VVN-BdA erinnerte am Ehrenrundplatz, dass hier eine der wenigen Gedenkstätten in Deutschland für die im allgemeinen Bewusstsein vergessenen Widerstandskämpfer steht. An vielen Orten habe es Widerstand gegeben. Allerdings sei dieser Widerstand bereits kurz nach dem Krieg kleingeredet und verschwiegen worden. Die Rede im Wortlaut. Jennifer Haas machte darauf aufmerksam, dass direkt neben dem Friedhof das Fritz Bauer Forum, in dem sie arbeitet, seinen neuen Platz finden wird. Das Forum habe das Ziel, Geschichten, wie die der hier begrabenen Zwangsarbeiter*innen nicht zu vergessen, sondern diese zu thematisieren, aufzuarbeiten und denen eine Stimme zu geben, die sie nicht mehr haben. Aber auch die Stimmen derer zu Wort kommen zu lassen, die ihre Geschichten erzählen können und wollen. Eine diese Stimmen, die nicht vergessen werden darf, sei Esther Bejarano. Die Rede im Wortlaut.

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Redebeitrag vom Felix Lipski, Holocaustüberlebender, Klub STERN der Jüdischen Gemeinde Bochum

Übersetzt und vorgetragen von Margarita Gosman

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa durch die vollständige bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Wir feiern heute 77 Jahre der Befreiung Deutschlands vom Nazismus, das Ende des größten Blutvergießens der Weltgeschichte, die Rettung der europäischen Juden vor der vollständigen Vernichtung.

Im Zweitem Weltkrieg haben 60 Millionen Menschen ihr Leben verloren, fast die Hälfte davon waren Zivilisten. Jeder Zehnte war Jude.

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Redebeitrag von Michael Niggemann, VVN – BdA Bochum

Wir stehen hier am Ehrenrundplatz, eine der wenigen Gedenkstätten in Deutschland für die im allgemeinen Bewusstsein vergessenen Widerstandskämpfer. An dieser Stelle, wo sich die Hauptwege des Friedhofs treffen, an diesem besonderen Platz, gedenken wir acht Widerstandskämpfern gegen Faschismus und Krieg, die der linkssozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung angehörten. Aber es waren nicht die einzigen Widerstandskämpfer. An vielen Orten in den Städten und Dörfern Deutschlands gab es Widerstand. Allerdings ist dieser Widerstand bereits kurz nach dem Krieg kleingeredet und verschwiegen worden. Umso wertvoller ist die Erinnerung an Bochumer Widerstandskämpfer:innen, die auch in Konzentrationslagern bzw. Zuchthäusern der Faschisten umgebracht wurden.

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